Was ist der Silent Book Club? Warum Menschen zu einem Lesekreis kommen, in dem niemand spricht – stille Verbundenheit in 2.000 Chaptern

Entwickler von mekuruVeröffentlicht Etwa 7 Min. Lesezeit

Zuletzt bin ich Koreas „Text-Hip“ gefolgt. Diesmal geht es über den Ozean nach Amerika. Warum hat sich der Silent Book Club – keine Pflichtlektüre, keine Diskussion, kein Reden – in mehr als 50 Länder ausgebreitet? Lesende, die auf TikTok ihre Gefühle herauslassen, und Erwachsene, die in einer Bar schweigend umblättern. Zwei gegensätzliche Szenen mit derselben Wurzel wie in Korea: allein lesen wollen, mit der Gegenwart eines anderen in der Nähe.

Vom Korea des letzten Mals nach Amerika

Im letzten Beitrag habe ich über „Text-Hip“, das Lesephänomen, das Korea erfasst, geschrieben.

Lesen – und Passagen von Hand abschreiben – wurde unter jungen Leuten cool, während die Lesequote der Erwachsenen auf ein Rekordtief fiel. Begeisterung und Abkopplung zugleich: Das war Koreas Wirklichkeit.

Wie also setzen sich Menschen auf der anderen Seite des Ozeans, in Amerika, mit einem Buch hin?

Diesmal möchte ich auf den Silent Book Club schauen, eine in Amerika entstandene Bewegung, die sich heute über die Welt ausbreitet, und auf die Lese-Communities in den sozialen Medien, die Buchhandlungen in den ganzen USA durchrütteln.

Was der Silent Book Club ist

Entstanden in San Francisco
2012
In der Ecke einer kleinen Weinbar
Länder mit einem Chapter
Über 50 Länder
Bars, Cafés, Parks, Museumshöfe
Chapter
Über 2.000
Noch immer ohne Pflichtlektüre, noch immer ohne Diskussion

Der seltsame Lesekreis ohne Pflichtlektüre und ohne Diskussion

Wenn du „Lesekreis“ hörst, welche Szene kommt dir in den Sinn?

  • Alle haben vorher dasselbe vorgegebene Buch zu Ende gelesen
  • Man trifft sich in einem Café oder einem Gemeinschaftsraum
  • Man tauscht Eindrücke aus und diskutiert die Absicht des Autors und Deutungen
  • Innerlich wird man unruhig: „Ich sollte etwas Kluges, Geistreiches sagen“

Zumindest für mich wirkte ein Lesekreis immer wie eine kleine Hürde – eine Veranstaltung, die Energie kostet.

Und Amerika hat tatsächlich eine tiefe Tradition genau dieser Art von Gemeinschafts-Lesekreis. Die Bestseller, die die Buchclubs von Oprah Winfrey und Reese Witherspoon gemacht haben, erzählen diese Geschichte.

Doch der Silent Book Club, der 2012 in einer kleinen Weinbar in San Francisco begann, stellte jede dieser Konventionen auf den Kopf.

Die Regeln sind fast enttäuschend einfach

  1. Keine PflichtlektüreJeder bringt mit, was er lesen möchte. Einen Roman, einen Comic, ein Fachbuch – irgendetwas.
  2. Die ersten 30 Minuten: ein kurzes HalloEin Getränk bestellen, ein, zwei Worte wechseln. Wer nicht reden will, muss nicht.
  3. Dann eine Stunde völliger StilleJeder liest einfach sein eigenes Buch. Das ist das Herz des Treffens.
  4. Die letzten 30 Minuten: nur wer willLocker über das plaudern, was man gerade liest, dann nach Hause. Niemand muss eine Rezension abgeben.

Kein Druck von Hausaufgaben, kein Schrumpfen vor der Deutung eines anderen.

Nur Fremde, die eines gemeinsam haben – lesen zu wollen –, versammelt in einer Bar, einem Café oder einem Park, die mit einem Getränk in der Hand schweigend ihre eigenen Bücher aufschlagen.

Diese auf den ersten Blick seltsame Zusammenkunft hat sich inzwischen auf mehr als 50 Länder und über 2.000 Chapter ausgebreitet.

Accounts, in die man hineinschauen möchte: die Bewegung vor Ort

Diese „stille Begeisterung“ ist in den sozialen Medien in Echtzeit sichtbar. Ein paar sinnbildliche Accounts:

  1. Silent Book Club, offiziell (Instagram: @silentbookclub)Der offizielle Account, der täglich Chapter aus der ganzen Welt teilt. Scrollt man durch den Feed, sieht man Dutzende Erwachsene, die mit einem Glas in der Hand schweigend Papierbücher lesen – an Orten, die nichts von einem Lesesaal haben: der Tresen eines dämmrigen Irish Pubs, ein Rooftop in Brooklyn, ein Museumshof. Die Annahme, Lesen heiße, sich in ein Zimmer einzuschließen, zerbricht auf angenehme Weise.
  2. Library Science (Instagram: @libraryscience)Die Lese-Community, die das Model Kaia Gerber gegründet hat, die auch im letzten Beitrag vorkam. Porträts von ihr mit Büchern, Gespräche mit aufstrebenden Autorinnen und Autoren, Hunderttausende Follower. Eine führende Stimme für die heutige Stimmung, dass Lesen intelligent und cool wirkt.
  3. Die Hitze von BookTok (TikTok: @aymansbooks, @abbysbooks und andere)Über amerikanische Lesetrends kann man nicht sprechen ohne #BookTok, die Lese-Community auf TikTok. Top-Creatorinnen wie @aymansbooks (über 900.000 Follower) und @abbysbooks (über 400.000) liefern Reaktionsvideos mit voller Wucht: Schluchzen nach der letzten Seite, Schwärmen für einen Lieblingsroman. Keine Kritik, keine Analyse, sondern eine Explosion von „wie sehr mich dieses Buch erschüttert hat“ – Posts, die Buchhandlungstische bewegen und einen jahrealten Titel über Nacht auf die nationale Bestsellerliste heben können.

Warum kommen Amerikaner an einen Ort, an dem niemand spricht?

Junge Leute teilen auf TikTok intensiv ihre Gefühle, während Erwachsene in einen Lesekreis strömen, in dem kein Wort fällt. Beides sieht nach Gegensätzen aus, doch ich glaube, der Grund darunter ist derselbe.

2023 warnte der U.S. Surgeon General, Einsamkeit berge ein Gesundheitsrisiko, das dem Rauchen von 15 Zigaretten am Tag entspreche. Die Isolation des Einzelnen ist im heutigen Amerika zu einem ernsten gesellschaftlichen Problem geworden.

Und mit der Verbreitung von Remote-Arbeit verschwanden die Orte, die weder Zuhause noch Arbeitsplatz waren – die sogenannten dritten Orte – rasch aus dem Alltag.

Ich will mit jemandem in Verbindung sein. Aber eine Stunde lang mit Fremden Small Talk machen, jedes Wort abwägen – das kostet zu viel Energie und lässt mich ausgelaugt zurück.

Auf dieses Dilemma, geboren aus amerikanischem Individualismus und Pragmatismus, ist der Silent Book Club eine bemerkenswert präzise Antwort.

  • Keine Pflicht zu reden (man darf im Energiesparmodus bleiben)
  • Und doch entkommt man der Leere, allein zu Hause aufs Handy zu starren
  • Blickt man auf, ist da das Profil von jemandem, der genauso umblättert

Koreas „Zeigen“, Amerikas „Weglassen“

Wenn Koreas Text-Hip das einsame Lesen in die Richtung des Zeigens geführt hat – Lieblingsfüller und Notizbücher ausgebreitet, auf Instagram gepostet, zur Kultur gemacht –,

dann ging Amerikas Silent Book Club den anderen Weg: überflüssige Kommunikation weglassen und nur den physischen Raum und die Gegenwart der anderen teilen.

Koreanische Mittzwanziger, die in einer unabhängigen Buchhandlung eine Stunde lang schweigend Passagen abschreiben. Amerikanische Erwachsene in einer Bar, Glas in der Hand, die wortlos umblättern.

Verschiedene Länder, verschiedene Kulturen – und was sie suchen, ist verblüffend ähnlich.

Ich will allein lesen. Aber ich will die Gegenwart von jemandem in der Nähe

Lesezeit ist bis auf den Grund persönlich. Niemand kann diese Zeile für dich verstehen; du musst deine eigene Vorstellungskraft arbeiten lassen. In diesem Sinn ist Lesen ein sehr einsamer, sehr stiller Akt.

Doch allein am Schreibtisch wandert der Blick zu einer Handy-Benachrichtigung, oder der Lärm des Tages trägt die Gedanken fort. Der Wunsch zu lesen ist echt, und trotzdem ist es in einer von Algorithmen umhüllten Welt wirklich schwer, die Stille allein mit Willenskraft zu halten.

In solchen Momenten kann, ohne ein Wort zu wechseln, allein die Gegenwart von jemandem, der im selben Raum leise liest, einen irgendwie zum Buch in den eigenen Händen zurückbringen.

Einander nicht stören. Und doch dieselbe Stunde gemeinsam verbringen.

Das Buch in deinen Händen und das Geräusch einer umgeblätterten Seite

Ich liebe die Zeit, die ich mit Lesen verbringe, und wollte einen Ort in meinem Alltag, an dem sich diese stille Gegenwart spüren lässt – deshalb baue ich als Einzelentwickler einen Leseraum namens mekuru (es gibt auch eine App für iPhone und iPad).

Keine Timeline mit Meinungen, keine Likes zum Tauschen wie in sozialen Medien. Nur Avatare, die sich im selben Zimmer niederlassen und jeweils leise ein Buch aufschlagen – ein Raum für Papierbücher.

Vielleicht kannst du nicht jeden Tag in eine amerikanische Bar oder einen stillen Lesekreis in deiner Stadt gehen. Aber dreißig Minuten am Abend, vor dem Schlafen.

Sich leise die Gegenwart von jemandem leihen, der irgendwo eine Seite umblättert, und langsam das Buch in den eigenen Händen öffnen. Ich hoffe, diese kleine, luxuriöse Zeit kann gleich neben einem vollen Alltag ihren Platz finden.

Diese Serie reist Land für Land durch die Lesekulturen der Welt. Teil 3 wird sich Asiens Nachtbuchhandlungen und die Kultur der Lernräume ansehen.

Häufige Fragen

Was ist der Silent Book Club?

Ein Lesekreis ohne Pflichtlektüre und ohne Diskussion: Wer kommt, liest schweigend sein eigenes Buch. Er begann 2012 in einer kleinen Weinbar in San Francisco unter dem Motto „Introvert Happy Hour“ und hat sich in mehr als 50 Länder und über 2.000 Chapter ausgebreitet.

Muss ich ein Buch zu Ende gelesen haben, um mitzumachen?

Nein. Es gibt keine Pflichtlektüre, du bringst einfach mit, was du lesen möchtest. Die ersten 30 Minuten sind ein kurzes Hallo, die nächste Stunde völlige Stille zum Lesen, und in den letzten 30 Minuten plaudern nur die, die wollen, über ihre Lektüre. Niemand muss eine Rezension abgeben.

Wie finde ich ein Chapter in meiner Nähe?

Die offizielle Website (silentbook.club) listet Chapter weltweit, und der offizielle Instagram-Account @silentbookclub teilt täglich Szenen aus den Chaptern. Gibt es keines in deiner Nähe, kannst du selbst eines gründen.

Was ist BookTok?

Die Lese-Community auf TikTok, in der Menschen unter #BookTok Buchreaktionen und tränenreiche Rezensionen teilen. Im Mittelpunkt stehen Gefühle statt Kritik, und sie beeinflusst die Verkäufe amerikanischer Buchhandlungen so stark, dass ein jahrealter Titel über Nacht auf die Bestsellerliste gelangen kann.

Quellen und Links

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